Kommentar & Meinung
Die Unterschichtendebatte
Gibt es nun eine Unterschicht, oder gibt es sie nicht? Beziehungsweise, darf man sie so nennen, ohne auszugrenzen und zu diskriminieren? Das sind die Fragestellungen, die derzeit unter PolitikerInnen diskutiert werden – doch es ist eine Scheindebatte. Alle die sich mit unserer gesellschaftlichen Gegenwart auseinander setzen, wissen sehr wohl, dass ein großer Teil unserer Bevölkerung gesellschaftlich ausgegrenzt und unter prekären Verhältnissen und Bedingungen lebt – und dass nahezu die komplette Politiker-Riege darüber erschrickt, zeigt lediglich, wie weltfremd die werten Damen und Herren inzwischen geworden sind. Und sich dann über die Bezeichnung “Unterschicht” zu erregen – ein Begriff der unter Sozialwissenschaftlern absolut gängig ist und keineswegs der Stigmatisierung dient – das ist lediglich eine Scheindebatte, um vom eigentlichen Problem abzulenken: Nämlich einer Politik des radikalen Neo-Liberalismus und seiner Folgen, die sich in einer immer weiter verschärfender sozialer Ungerechtigkeit zeigen.
Doch was ist zu tun? Zunächst muss festgestellt werden, dass die “alten Konzepte”, wie mehr Liberalisierung, mehr Marktwirtschaft, mehr Privatisierung zu nichts taugen – ein “immer mehr des Selben” hat bislang (übrigens ganz folgerichtig) zu einer immer weiteren Verschärfung der gesellschaftlichen Verhältnisse geführt. Wenn also das Eine nicht klappt, sollte man, so lernt es bereits das aufmerksame Kleinkind, vielleicht mal etwas anderes versuchen. Oder reicht da die durch politischen Ehrgeiz, Parteidisziplin und jahrzehntelanger ideologischer Grabenkämpfe stark geschundene Phantasie der politischen Elite nicht mehr aus? Tja dann sollten sie besser abtreten – oder vielleicht doch mal über das althergebrachte hinausdenken. Konzepte, zugegeben zunächst recht radikal anmutende Konzepte, gibt es jedenfalls. Sei es der Vorschlag eines anderen – zinsfreien und damit neutralen Geldsystems, sei es das bedingungslose Grundeinkommen – all diese Konzepte gibt es bereits seit Jahrzehnten; nur, sie passen nicht in die unhinterfragte, turbo-kapitalistische Denke der zeitgenössischen Politiker-Kaste. Zugegeben, keiner weiss, ob diese alternativen Konzepte funktionieren – dass aber die heutigen Konezpte nicht funktionieren, das dürfte nicht erst seit der “Unterschichten-Debatte” selbst dem weltfremdesten “Vertreter des Volkes” inzwischen bekannt sein.
Doch, werte Damen und Herren aus der Politik, sind Sie es nicht, die immer wieder unisono von uns allen die unbedingte Bereitschaft zu Mobilität, Flexibilität und lebenslangem Lernen verlangen? Die immer wieder fast im Chor nach Innovationen rufen? Nach mehr Eigenverantwortung und Ideen? Wie wär’s denn, wenn Sie mal als unser Vorbild vorausgehen?
Peter Engert, im Oktober 2006

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